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Drosselbart oder Die übermütige Prinzessin /// Theater Mezzanin Graz /// WUK /// 6+ /// Timon Mikocki

Wieder ein Märchen, das neu kontextualisiert und überaus innovativ auf die Bühne gebracht wird. Das WUK wird allmählich zur Märchenmodernisierungs-Spielstätte. Diesmal haben wir es mit der moralisch wertvollen Geschichte vom König Drosselbart und seiner Frau zu tun. Sie lehrt uns, dass man nicht nach Äußerem und Status gehen und schon gar nicht spotten soll. Möglicherweise auch, wie man sich als Mann Frauen untertan macht, aber das sei dahingestellt. Auf der Bühne sehen wir jedenfalls zwei auffällig gekleidete Damen mit Hang zur Überzeichnung. Vom Puppentheater kommend, hat Regisseurin Annette Scheibler eine einfache, aber gewinnende Darstellungsart gefunden: Gefäße sind die eigentlichen Hauptdarsteller. Der alte König wird durch eine Kanne, die Prinzessin und der junge König durch Vasen symbolisiert. Das Geschirr wird variantenreich eingesetzt und korrespondiert auch inhaltlich mit einer wichtigen Szene der Vorlage. Die Symbolisierung durch Objekte dient dazu, Übersichtlichkeit zu schaffen, aber auch, Rollenbilder anzuzeigen. Die SchauspielerInnen spielen neben den Hauptfiguren – die jeweils durch das Auf-den-Kopf-setzen der Gefäße angenommen werden – eine ganze Schar von anderen, nur grob skizzierten Figuren. Wie so oft bei gutem Theater ist man verblüfft, dass hier bloß zwei Menschen auf der Bühne stehen, der Kosmos, der erzeugt wird, aber eine ganze Gesellschaft beinhaltet. Dieses Talent zur Wandlung erzeugt zusammen mit der Verwendungsweise der Objekte und der swingenden Jazz-Musik einen lieblich-humorvollen Reiz. Vor allzu altertümlicher Lesart bewahren uns die DarstellerInnen mit alternativen Vorschlägen und Distanzierungen. Dass gewisse Rollenbilder und Machtmechanismen schon sterben dürfen und nicht noch heute leben, ist jenem modernen Kommentar zu verdanken. Das Theater Mezzanin zeigt damit eindrucksvoll, wie intelligent und aufgeklärt man heute an Märchen herangehen kann und wie einfach sich komplexe Handlungen auch für sehr junges Publikum darstellen lassen, ohne die Ursprünge zu verleugnen.

Regie: Annette Scheibler; Spiel: Hanni Westphal, Martina Kolbinger-Reiner; Choreographie: Anne-Kathrin Klatt; Kostüme und Ausstattung: Corinna Schuster; Lichtdesign: Tom Bergner