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Murikamification – Meine Stadt steht Kopf /// von Arch8/Erik Kaiel /// Dschungel Wien /// 13+ /// Theresa Luise Gindlstrasser ///

Zivilgesellschaft, das ist wenn Menschen im öffentlichen Raum aufeinandertreffen und miteinander in kooperativer Weise verfahren. Das heißt auch couragiert füreinander eintreten und sich um das Wohl aller sorgen. Kunst im öffentlichen Raum verschreibt sich häufig der Stabilisierung einer solchen Zivilgesellschaft. Manche Kunst im öffentlichen Raum arbeitet aber auch ganz selbstsicher an ihrer Sabotage. Ein eklatantes Beispiel für ein haarsträubend kurzsichtiges Kunstprojekt im öffentlichen Raum heißt „Murikamification – Meine Stadt steht Kopf“ und wird im Rahmen des Szene Bunte Wähne Festivals im Museumsquartier gezeigt.

Vier junge Menschen, in schön farblich voneinander differenzierten Oberteilen turnen da über einander und das Publikum hinweg. Kriechen zwischen Beinen, schlagen aus, machen tolle Akrobatik und treiben die Menschentraube in die schmalen Gänge im Rücken des Museumsquartiers. Ein fünfter Darsteller, ein wandelndes Tourismus-Klischee mit weißen Socken und Augen tief im Stadtplan versunken, wird von ihnen drangsaliert. Die vier versuchen ihre Befreiung von den normierenden Verhaltensweisen im öffentlichen Raum ihm, dem Spießbürger, und dem ganzen Publikum aufzudrängen. Aber es kommt noch platter und noch deutlich schlimmer: Der Spießbürger wird schließlich mit einer Kokosnuss erschlagen, liegt dann also wie tot am Straßenboden an der Ecke zum Tanzquartier. Die vier Performenden ziehen weiter.

Ich bin nicht mehr mitgegangen. Konnte meinen Augen nicht trauen. Und habe mich um besorgte Passanten gekümmert. Weil der Dschungel anscheinend niemanden an besagter Ecke abgestellt hatte, um die Uneingeweihten über den Performance-Charakter der Aktion zu informieren, waren dort entsetzliche Szenen zu beobachten. Menschen, die ohne um eben diesen Performance-Charakter zu wissen, möglichst schnell am scheinbar Toten vorbeigehen. Menschen die einander sogar davon abhalten sich um den am Boden liegenden zu kümmern. Menschen die dann doch Fragen stellen und vom Publikum schnöde darauf hingewiesen werden: „Haha, das ist doch eine Performance!“.

Erstens! Wenn solche Aktionen im öffentlichen Raum gebracht werden sollen, dann muss da jemand stehen und sich um eben diese Szenen kümmern.

Zweitens! Passanten mit solchen Szenen alleine zu lassen, zerstört am Ende des Tages jede Zivilcourage. („Haha, das ist doch eine Performance!“)

Drittens! Wenn solche Aktionen (befreite Hippie-Gesellschaft gegen langweiligen Spießbürger) wirklich in Mord enden sollen, dann wäre es vielleicht angebracht diese im geschützten Raum eines Theaters stattfinden zu lassen. Die Regeln sind dort andere. Im Theater haben alle für ihren Konsum bezahlt und wissen um die besonderen Theaterregeln im Gegensatz zu den öffentlicher-Raum-Regeln Bescheid.

Viertens! Das Publikum mit solchen Szenen alleine zu lassen, sie in der Performance nur als kurzen Moment am Rande zu haben, zerstört am Ende des Tages nicht nur jede Zivilgesellschaft, sondern auch die Demokratie. (Weil meines Erachtens ist auch der Spießbürger keiner der ermordet werden soll.)

Choreografie: Erik Kaiel | DarstellerInnen: Erik Kaiel, Mayke van Kruchten, Kim Jomi Fischer, Jefta Tanate, Joseph Simon