(c) Marcella Ruiz Cruz

(c) Marcella Ruiz Cruz

Lumpenloretta /// Burgtheater im Kasino ///  8+ /// Timon Mikocki

Lumpenloretta rülpst und steigt mit Schuhen auf weißes Leder, sie mag Junkfood, spielt Gewichtheberin und träumt von einer Anstellung beim Zirkus. Gerade erst mit ihrem Vater ein neues Haus bezogen, übertritt sie munter Grenzen und bringt damit die bürgerlich geordnete Welt des Nachbarsbubs „Glatze“ – und auch seine Gefühle – gehörig in Regung. Loretta hat später nur mehr Augen für Glatzes Freundin. Die Glatze-Mutter (Petra Morzé) beäugt den rotzfrechen Freigeist streng; dramaturgische Gewitterwolken ziehen auf. So die Exposition von Christine Nöstlingers (nach eigenen Angaben) persönlichem Favorit unter ihren Büchern, veröffentlicht 2010. Martina Gredler hat die an „Pippi Langstrumpf“ erinnernde Figur und ihre Geschichte auf die Bühne des Kasinos am Schwarzenbergplatz gebracht und dabei nicht gespart.

Die hochkarätige Besetzung und das offene, dreigeteilte Bühnenbild erzeugen einen kontrastreichen Nachbarschaftskosmos, der für Gesellschaftskritik geeignet ist. Cut-Out-Animationen erweitern den Bühnenraum um eine Fantasieebene, die ansehnlich ist aber nicht nötig gewesen wäre. Sarah Viktoria Fricks Loretta erheitert als feistes, sehr körperbetontes Energiebündel und lässt subtil auch die Schattenseiten einer verwahrlosten Existenz durchblicken. Sie und ihr männlicher Gegenpart beherrschen das Ausdrucksspektrum. Die plakativ ausgearbeiteten Charaktere sind für junges Publikum einfach zu erfassen, zwei Stunden (mit Pause) mit ihnen aber zu lang.

Einige Regieeinfälle, allen voran die Zeitlupenszenen, in denen emotionale Augenblicke gedehnt werden, beeindrucken. Andere verwundern (Warum muss Glatze durch den Spülschrank?). Das ist insgesamt üppig inszeniert und gleichzeitig nicht überwältigend. Das Stück schließt schwermütig; hier hat die surreale Leichtigkeit der letzten Seiten des Buches gelitten. Jedenfalls kommen Nöstlingers komplexe Themen – Anarchie und Anpassung, weibliche Selbstständigkeit, jugendliche Schwärmerei, homosexuelle Tendenzen, enttäuschte Erwartungen – niederschwellig beim Publikum an. Zum 80. Geburtstag der Autorin eine unterhaltsame Verbeugung vor der Widerspenstigkeit.

Schauspiel: Sarah Viktoria Frick, Simon Jensen, Florian Appelius, Aaron Friesz, Nélida Martinez, Stefan Wieland, Petra Morzé, Robert Reinagl, Dunja Sowinetz, Hans Dieter Knebel; Regie: Martina Gredler; Bühne: Jura Gröschl; Kostüme: Moana Stemberger; Musik: Raimund Hornich; Licht: Norbert Gottwald; Video: Sophie Lux; Dramaturgie: Klaus Missbach