Atlas der abgelegenen Inseln /// Musiktheater /// make make Produktionen /// 10+ /// Timon Mikocki 

Zehn abgelegene Inseln als Möglichkeitsfantasien. Die geografischen Orte dienen als Projektionsflächen für postkoloniale Ideale, für Frauenbilder, für den Forscherdrang und Geschichte, in den stärksten Momenten sind sie auch Böden für körperliche Rollenspiele, für Er-Fahrungen und Be-Gehungen der Welt: Sara Ostertag interpretiert Judith Schalanskys Vorlage kühn, unglaublich abwechslungsreich, multimedial und eigenwillig. Sie zeigt, auf wie vielen Ebenen Theater funktionieren kann und dass sich Bedeutung individuell ergeben darf. Denn das mit dem Stella prämierte Stück reiht sich nicht in die Geschichte von süß und chronologisch erzählten Märchen, sondern traut den Zuseherinnen postmoderne Erlebnisse zu, Sprünge und die Fähigkeit, bei Bedarf selbst Sinn-Zusammenhänge zu ziehen.

Zu Beginn besprechen die beiden Schauspielerinnen Probleme der Kartografie; Um die Welt auf einen Blick sichtbar zu machen, muss man sie verzerren, Ich-zentral ausrichten. Die folgenden Szenen füllen den philosophischen Rahmen dann mit Theater, und wie! Tanz, ausgefallene Kostüme, Kontraste. Ein Flugzeugmodell, eine aufblasbare Weltkugel, ein angedeutetes Schiff als Unterlage für die hervorragenden Musiker: Mit der Abfolge von eigenständigen Kleinstgeschichten wird Richtung gemacht, die von Hannes Dufek komponierte moderne Musik strukturiert und gibt den einzelnen „Schauplätzen“ Atmosphäre, Videoeinspielungen erweitern die Räume im Kopf, konkrete performative Akte sorgen für motivische Landungen. Die dramaturgischen Elemente wirken zwar inselhaft isoliert, werden aber flüssig verbunden und ergeben nach und nach ein träumerisches Gesamtbild. Ein Spiel mit Distanz und Nähe, das durch Vielseitigkeit vereint.

Höhepunkte: Der Gang der Krabben oder der Selbstinszenierungstanz der Dokumentarfilmerin mit Pinguinen und Kamera. Humor und Timing als Rezept; Stille, konkrete Momente zwischen Actionsequenzen, singenden Monstern, absurden Strandszenen und geschichtlichen Episoden: Hier ist alles drinnen, was raus muss. Selbst wenn der Theaterraum des Dschungels einige Effekte aus der Uraufführung in Vorarlberg verunmöglicht, hat man dank hervorragender Technik eine beeindruckende Mehrdimensionalität erhalten. ­Und so unterm Strich ein genussvolles, frei schwebendes, wundersam interessantes und weitgreifendes Kunstwerk geschaffen. Nur weiter so!

Koproduktion mit dem Vorarlberger Landestheater Bregenz, Wien Modern & Dschungel Wien, in Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium

Regie: Sara Ostertag; Komposition: Hannes Dufek; Ausstattung, Licht: Christian Schlechter; Kostüm: Brigitte Moscon; Dramaturgie: Nina Fritsch; Spiel/Performance: Michèle Rohrbach, Laura Eva Meuris; Musiker: Samuel Eder, Zuko Samela; Produktion: Daniela-Katrin Strobl; Regieassistenz: Simone Loser; Ausstattungsassistenz: Lena Lom