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Dreihundertfünfundsechzig+ /// Theater foXXfire! & theaternyx* /// Dschungel Wien /// 13+ /// Timon Mikocki 

Mit einem kleinen rosa Kärtchen und der Frage „Hast du 2016 jemanden oder etwas Neues kennengelernt?“ beginnt ein nachdenklicher Vormittag im Dschungel. Ja, habe ich, eine griechische Insel. Fußball-EM, Olympia, Die Menchenrechtsaktivistin Samar Badawi wird eingesperrt, am 13. Jänner; punktuelle Rückblicke auf das letzte Schaltjahr, bevor es in den Theatersaal geht. Dort setzen wir uns auf weiße Würfel und hören zu. Vier PerformerInnen, die nacheinander sich selbst beleuchten und einen kurzen Absatz aus einem Tagebuch über das Jahr 2016 wiedergeben. Und einem Chor („Wir laufen der Zeit davon“, „I wish I could“), der zwischendurch vereinend und verallgemeinernd für Einschübe sorgt.

Wessen Gedanken wir zuhören, das erschließt sich nicht und ist unwichtig, klar ist nur, dass es junge Menschen sind und dass die Protokolle das Jahr chronologisch aufarbeiten: Gefühle, Momentaufnahmen, Befindlichkeiten, Assoziationen zu Ereignissen, Perspektiven, am deutlichsten aber: Grausamkeiten. Menschen tanzen hier und sind glücklich, während 127 andere bei einem Anschlag sterben. David Bowie stirbt. Das Präsidentschafts-Wahl-Debakel, aus dem VdB „gottseidank“ als Sieger herausgeht. Österreich verliert gegen Island. Terror in Nizza, Krieg in Syrien, der Türkei-Putschversuch. Niemand weiß, wie’s weitergeht. Man muss bereit sein, zu werden. Das ist Konsens. Und die Frage, wieso immer mehr und mehr passiert. Dazwischen Freizeitalltag am Übergang von der Schule ins Studium. Als kleines Gegengewicht auch Freudvolles. Nur subjektiv Bedeutendes neben Weltveränderndem.

Mehr ist es nicht und mehr braucht es nicht, um die Fassungslosigkeit zu erzeugen, die Jugendliche beim Umgang mit diesen Ereignissen ergreifen muss. Wenn schon Erwachsene oft überfordert mit dem medial verbreiteten Weltgeschehen sind, wie verdammt nochmal sollen dann Heranwachsende das alles verarbeiten? Eine Möglichkeit: Aufschreiben. Und das haben zwölf junge Menschen aus Graz, Linz und Wien getan. Claudia Seigmann hat aus den Tagebüchern sorgfältig und schnörkellos ein Stück angeleitet. Es braucht nicht viel mehr als überzeugende PerformerInnen, simple Gestaltung und Gleichmäßigkeit, um seine Stärke sichtbar zu machen: Wahrhaftigkeit. Manches wirkt unfertig oder zu einfach, der Chor meist unbeholfen und eindimensional. Ein Element, das nur selten aufblitzt, ist die Betrachtung eines Ereignisses aus verschiedenen Perspektiven. Dieser Ansatz hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Dennoch packt einen der Ernst dieser durch die Köpfe der Jugendlichen vermittelten Chronik. Gut getroffen wird die Lebensart Jugendlicher. Und schön temperiert und portioniert ist der Text. Betroffen verlässt man das Theater.

Regie: Claudia Seigmann; Nach einer Idee von: Corinne Eckenstein; Textfassung: Claudia Seigmann, Claudia Tondl; Musik: Bernhard Fleischmann; Bühne: Georg Lindorfer; Kostüm: Antje Eisterhuber; Regieassistenz: Carmen Jelovcan; Schreibende: Hayam und Sadek al Alwani, Katrin Edtmayr, Hannah Ernst, Lena Hödl, Anna Kassmannhuber, Yuria Knoll, Sophia Moustakakis, Apollo Pamperl, Clara Porak, Franziska Ruspeckhofer, Iris Schimpelsberger, Kim Wallgram; PerformerInnen: Cristina Maria Ablinger, Wolfgang Fahrner, Daniela Graf, Sarah Scherer; Chor: Florian Haneder/Lino Eckenstein, Anna Kassmannhuber, Lena Lammer, Lorenz Manzenreiter, Atsut Moja Calle, Viktoria Rauchenberger, Christine Tielkes, Hanna Wirleitner; Koproduktion mit Wien Modern & Dschungel Wien: In Kooperation mit: Theaterfestival SCHÄXPIR