Mo. Jul 22nd, 2024
(c) Ruiz Cruz
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(c) Ruiz Cruz

Kriegerin /// nach dem Film von David Wnendt /// für die Bühne bearbeitet von Tina Müller /// Burgtheater Vestibül /// 14+ /// Timon Mikocki 

Mit viel Aggression und Krach beginnt die lehrstückhafte Handlung im trostlosen Milieu toxischer Familienstrukturen einer Kleinstadt. Eine Gruppe Halbstarker geilt sich an hohlen Parolen wie “biologische Wirklichkeit” und “wir sind das Volk” auf. Ihnen gegenüber Flüchtlinge, die den kulminierenden Hass physisch abbekommen. Erschreckend authentisch fühlen sich die jungen Darsteller*innen dabei in die Logik der neuen Rechten ein. Und lassen sich parallel zu AfD und Identitären nicht einfach als Nazis brandmarken, obwohl ihr Gedankengut genauso verblendet ist. Dass wir hier einmal aus weiblicher Perspektive die Gewaltspirale mitbekommen, ist neu. Die intelligente Hauptfigur Marisa erfährt den Rausch der Selbstbestimmung, und wie einfach es ist, sich an Feindbildern zu ermächtigen – in dieser Story Rasul und seine Schwester. Aber selbst in ihrer eigenen ideologischen Clique bleibt sie unfrei – einer der vielen lebensweltlichen Widersprüche, die dem Stück seine kantige Wucht verleihen. Das moralische Gewissen macht dann den Unterschied, Marisa wird “umgedreht” und hilft Rasul schließlich, sich abzusetzen. Ein wenig Versöhnlichkeit und Gutgläubigkeit vor einem tragisch-sentimentalen Ende.

Plakativ ist dieses Spiel, teilweise auch overacted und voller Stereotype, doch leider bestätigen die Nachrichten vom Terroranschlag in Hanau die Dringlichkeit des Themas; Dass die radikale Rechte längst ein tiefsitzendes Problem ist, das nicht einfach per Gesetz oder mit Zäunen, am sterilen Tisch der bürokratischen Macht, wegzuwischen ist, wie die Asylsuchenden, weil die Täter*innen aus der Normalität der Gesellschaft kommen. In der Enge des Vestibüls können die entladenen Emotionen nicht verpuffen; und auch wenn Kriegerin zu lang dauert, und der schulische Charakter auffällt, trifft die darstellerische Energie. Eine pointierte Inszenierung mit einfallsreichen Übergängen zwischen den Szenen und einem wandelbaren Bühnenbild komplettieren den Eindruck einer gelungene Premiere für das neue Format, in dem Jugendliche mit Burgtheaterschauspielern auf der Bühne stehen.

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