CALL ME(,) DADDY ODER RETTET DIE ZÄRTLICHKEIT

ODER DIE RÄUBER ABER NICHT VON SCHILLER SONDERN VON DEIN HERZ


Inszenierung von Christoph/Hausmann/Maier/Wernisch + Max Reinhardt Seminar | Dschungel Wien | 15+ | Lisa Müller

Hast du deinen Vater schon mal in der Küche tanzen gesehen?

„Call me Daddy“ bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Zärtlichkeit und übersteigertem Männlichkeitsbild. Unter Anleitung der Regisseurin Nele Christoph begegnen Crispin Hausmann, Kaspar Maier und Jakob Leanda Wernisch dem Thema mit einer Mischung aus augenzwinkerndem Humor und schwer verdaulichem Realismus. In episodischer Struktur eröffnet das Stück Einblicke in die widersprüchlichen Facetten moderner Männlichkeit. So posieren die Darsteller anfangs in suggestiven Posen und zitieren Aussagen des Socialmedia Stars Jeremy Fragrance, die ebenso peinlich wie verstörend sind. Anschließend wirft die Inszenierung die absurde Frage in den Raum, wie es wohl wäre, wenn alle Männer Häschen wären und lässt sie über die Bühne hoppeln, Fütterung durchs Publikum inklusive. Beide Extreme lösen merklich Unbehagen im jungen Publikum aus und wecken die Frage: Ab welchem Punkt ist Männlichkeit peinlich?

Intim, ehrlich, nahbar erzählen die drei Hauptdarsteller von eigenen Erlebnissen und Schlüsselmomenten ihrer Jugend. Die immer wiederkehrende Leitfrage „Hast du deinen Vater schon mal in der Küche tanzen gesehen?“ (Antwort: nein) verliert aber mit jeder Wiederholung zunehmend an Kraft und nimmt den autobiografischen Elementen Dringlichkeit und Raum. Das Stück gewinnt vor allem durch diese persönlichen Erzählungen, die sich mit abstrakten, inhaltlich schwer einzuordnenden Episoden abwechseln. In verknappter Form hätte die Leitfrage deutlich mehr Wirkung erzielt, ohne den Textfluss zu bremsen. Dennoch findet der Spannungsbogen ein gelungenes Schlussbild. Zu den Klängen von David Bowies „Heroes“ tanzen die Darsteller genauso wie sie es sich für ihre Väter wünschen: frei und ganz für sich. Schließlich wird auch das Publikum eingeladen mitzutanzen.

Trotz der hohen darstellerischen Souveränität ist merklich, dass die Entwicklung des Stücks bereits ein paar Jahre zurückliegt. Würde man das Stück heute noch gleich entwickeln? Die Stärke des Stücks ist der eindeutige Wunsch, eine klare Haltung zu formulieren. Gleichzeitig tragen viele Szenen einen Ton jugendlichen Aufbegehrens und Sendungsbewusstseins in sich, wodurch der Inszenierung der erwachsene Schliff genommen wird.

Dennoch gelingt dem Stück, sein Ziel: Jeder Einzelne, der mittanzt, hat bereits das erreicht, was unsere Väter nie konnten.

REGIE + TEXT: Nele Christoph, Jakob Leanda Wernisch | SCHAUSPIEL + TEXT: Crispin Hausmann, Kaspar Maier, Jakob Leanda Wernisch

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