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Jeder will sich äußern
(c) Franzi Kreis

Körperverstand. Tanztheater Wien. /// Dschungel Wien /// 13+ /// Timon Mikocki 

Es beginnt mit Beleidigungen: “For people like you, they invented the middle finger!”. Und geht über in Behauptungen; des Körpers, der Figur. 4 Männer, englisch sprechend, provozieren und ringen darum, gehört zu werden. Sie werfen dazu ihre Körper und Fragen in den Raum. Nach sozialen Hierarchien, Voraussetzungen, Start- und Betrachterpositionen, von denen aus wir das Leben beurteilen. Und glauben, das sei dann gültig oder adäquat, obwohl es im Anderen möglicherweise Verstandesgründe gibt, die wir nie erahnen können.

Im Zusammenspiel kreativ und kooperierend, wird diese ephemere Performance bald für die Tänzer physisch und für das Publikum psychisch fordernd. Am deutlichsten in der Szene, in der die halbnackten Menschen dysfunktionell, aber rhythmisch auf den Boden klatschen; Aufrichtigkeit ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr möglich. Ist das der Wahn, sind da Traumata? Die kühle Poesie gibt keine Antworten, nur das Saxophon kommentiert die fraglichen Konstellationen mit nachdenklichen Tönen. Es geht wohl um Männlichkeit, vielleicht um Migration, sicher um ein Rennen im Leben. Eindringlich langsam liefert das Stück keine Ausreden – und zu wenig Erklärungen.

Körperverstand hat eine wiedererkennbare Ästhetik entwickelt, die bereits in KörperVerstand und BrainGame, den ersten beiden Stücken, Eindruck gemacht hat. Die sich nicht vor Negativität versteckt und vor allem eins ist: direkt. Es sind auch hier die anstrengenden Szenen, die am ehesten die Spiegelneuronen befeuern, ohne aber durch den Anker einer greifbaren Aussage in die länger speichernden Gehirnrareale zu sinken. Vielleicht kann der Ausdruck des tänzerisch hervorragenden Ensembles, das diesmal durch den fabelhaften Patrick Dunst erweitert wurde, für sich stehen. Schön, interessant und beeindruckend ist er allemal. Wahrscheinlich fehlt hier aber auch eine klarere inhaltliche Linie, die aus dem visuellen und emotionalen Reiz auch so etwas wie eine starke Botschaft zur Mitnahme im Gepäck der Pubertierenden destilliert. Gleichwohl: Bitte mehr davon!

Konzept: Steffi Jöris, Anna-Luise Braune; Regie, Choreografie: Steffi Jöris; Choreografische Assistenz: Maartje Pasman; Text: Anna-Luise Braune, Michael Pöllmann; Dramaturgie: Cornelia Voglmayr; Komposition, Livemusik: Patrick Dunst; Produktion: Steffi Jöris, Marianne Huber; Choreografische Mitarbeit, Tanz: Kirin España, Rino Indiono, Moritz Lembert