Sa. Mai 18th, 2024
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FlorianFeisel_DerHerzkasper_c-Antje-Toepfer

Herzkasper /// Gastspiel von Florian Feisel am Figurentheater Lilarum /// 5+ /// Timon Mikocki 

Eine aufblasbare Couch, eckiges Mobiliar, ein Fernseher. Ganz normale Wohnzimmeratmosphäre. Florian Feisel sitzt hier und begrüßt uns, er ist der Sepp mit der Mütze. Wenn er sie abnimmt, beginnt ein chaotischer Spuk, der in die Hölle und zurück führt.

Aus der umgestülpten Mütze schlüpft Sepps Alter-Ego, der Herzkasper, und der hat im Gegensatz zu Sepp nie Angst, sein Herz schlägt immer gleich. Aus dem Fernseher meldet sich Gretel, anfangs nocht strikt als Moderatorin die Nachrichten verlesend. Im Verlauf des experimentellen Ein-Mann-Puppenspiels greifen mediale und körperliche Ebenen zusehends ineinander. Das graue Krokodil Rosa sowie der Teufel sind die zu bekämpfenden Widersacher, die aus der Distanz in die Bühnenwelt drängen. Feisel ist am Höhepunkt seiner Kunst, wenn er Sepp spielt, der mit Kasper redet, während die beiden im Magen des Krokodils stecken: Ein verkapseltes Puppenspiel mit Matroschka, von einer einzigen Person animiert, die zugleich Scherzkeks und Big Brother ist.

Dabei wird dem Zielpublikum einiges zugetraut. Das großartige Krokodilskostüm ist so authentisch, dass es schon ganz am Anfang ein Kind weinend aus dem Saal treibt. Später fliegt ein Möbelstück zu nah an die erste Reihe. Feisel spielt aber nicht von oben herab, sondern mit den Kindern und er geht auf ihre Reaktionen ein, dosiert gekonnt Timing und Stimmung, um knapp an der Intensitätsgrenze zu fesseln. Verstecken und erschrecken gehören dazu, Mut und Wut auch.

Feisels Modernisierung des Kasperltheaters revolutioniert das Genre. Das Stück ist ein mediales Vexierspiel anhand einer basalen Story. Am Ende wird Sepp selbst zur Bildschirmfigur, indem er seinen Kopf in den Fernseher steckt. In einer Stunde fährt Feisel in Mulitperspektive auf der Gefühlsachterbahn und bleibt dabei den Grundpfeilern des Kasperltheaters treu. Das ist eine sinnliche Offenbarung, eine überaus innovative, performative Neudeutung, in der es letztendlich doch immer noch um die gleiche Frage geht: „Seid ihr alle da?“

 

 

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