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Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute /// von Follow the Rabbit /// WUK /// 10+ /// Theresa Luise Gindlstrasser ///

„ERSTER: Stellt euch einen Zoo vor.
ZWEITER: Einen Zoo vor vielen Jahren.
DRITTER: Einen Schwarzweißfotozoo.
VIERTER: Keinen sehr großen Schwarzweißfotozoo,
ZWEITER: eher einen ziemlich mickrigen Schwarzweißfotozoo,
ERSTER: eher einen eigentlich-nicht-der-Rede-wert-Schwarzweißfotozoo,
DRITTER: eher einen wär-da-kein-Zaun-drum-wär‘s-ein-Wald-und-gar-kein-Zoo-Schwarzweißfotozoo.“

So beginnt Jens Raschkes 2014 mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnetes Theaterstück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“. Die Rede ist vom 1938 unmittelbar am Konzentrationslager Buchenwald für Wärter und ihre Familien eingerichteten Zoo. Raschke imaginiert diese Situation aus der Perspektive der Tiere. Ein Pavian, ein Mufflon und ein Murmeltier erleben den Tod des Nashorns. Gestorben, weil es sich in Dinge eingemischt hat, die es nichts angehen? Gestorben aus Zorn? Gestorben aus Trauer? Nach dem Winterschlaf kommt ein neu eingefangener kleiner Bär im Zoo an. Er beobachtet die gelben Wolken, die aus einem Schornstein aufsteigen. Er ekelt sich in dieser süßlichen Luft und versteht das Verhältnis von Gestiefelten (Wärter) und Gestreiften (Gefangene) nicht.

Die in Graz ansässige Gruppe Follow the Rabbit gastierte mit „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ in einer Inszenierung von Martin Brachvogel für drei Spieltermine im WUK. Der Horror von Buchenwald kommt als naives Unverständnis des kleinen Bärs umso schärfer zur Geltung. Dabei steht die Sprache im Vordergrund. Die Inszenierung begnügt sich mit spärlicher Bühne und verlässt sich auf die durch den Text evozierten Zusammenhänge. Die Spieler*innen Nadja Brachvogel, Daniel Doujenis, Stefan Maaß und Rudi Widerhofer übernehmen dabei jede Menge Rollen. Halten, wenn sie die Geschichte als Erzählende vorantreiben, ein hohes Tempo. Sacken für die Dialoge zwischen den Tieren in überzeichneten Darstellungen ein. Der Bär, weil er ja ein Bär ist, ist sehr langsam, das nimmt der Inszenierung die Schärfe. Männliche und weibliche Tierfiguren geraten klischeeisiert.

Autor: Jens Raschke | Regie: Martin Brachvogel | DarstellerInnen: Nadja Brachvogel, Daniel Doujenis, Stefan Maaß, Rudi Widerhofer