Mo. Jun 24th, 2024
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Wann ist morgen? /// kollektiv kunststoff /// Performance /// Dschungel Wien /// 6+ /// Timon Mikocki 

Man muss ein bisschen nachdenken, um die negativen Assoziationen beim Lesen des Kollektivnamens loszuwerden. Das Zuschauen bei einem Stück erleichtert den Skepsisabwurf: Stark Stofflich ist das alles, und Kunst sowieso. Das Riesenthema Zeit beschäftigt Physikerinnen, Manager, Bahnhofswärterinnen und überhaupt alle Menschen; kaum ist es einzufangen, kaum kann man es erfüllend aus der Realität ans Theater projizieren. Und so nähert sich Raffaela Gras in ihrer ersten eigenen langen Arbeit von hinten, von oben, von außen, an das Allgegenwärtige an. Wie im KiJu-Theater üblich kommen viele Assoziationsketten vor; Als bewährtes Stilmittel bedient sie sich Begriffen oder Objekten, die als Anker für verschiedene Überlegungen dienen: Ist es ein Spinnenei, ist es ein Planet, ist es eine Zitronen-Eiskugel? Tatsächlich “nur” eine winzige Styroporkugel; aber das Theater kann alternative Welten schaffen, und die sind mannigfaltig und fluid.

Konkreter: Toll an der Performance sind der “Jucktanz”, die Qi-Gong-Übungen und die atmosphärischen Raumbespielungen – besonders die Musik und das Licht erweisen sich als verlässliche Partner bei der Darstellung der in der menschlichen Wahrnehmung veränderlichen Takte der Uhr. Zuträglich auch der Einfall, das junge Profi-Tanzpaar durch eine ältere Laiin zu erweitern – dreibeinig steht es sich am stabilsten, das wusste schon die Sphinx. Spielerisch ist das ausgewogen. Am gelungensten und effektivsten sind die abertausenden Styroporkügelchen, die am Bühnenboden Galaxien, Meeresbrandungen oder Zeitverwehungen andeuten und die Spielfläche behutsam strukturieren. Der flockige Binnenort des Warteraums fasst die ansonsten sehr abstrakt gehaltene Choreografie in einen zugänglichen Rahmen und fügt das Thema Krankheit hinzu – richtig schön wird es aber erst in den Unterwasserwelten, Zahnlücken und Zeitlücken, in den intimen und fragilen Momenten, die nur durch Bewegungs-Emotionen und nicht durch eine Dreiaktstruktur erfasst werden können. Die offene Form bedarf der Immersion und ist daher ein theaterliches Wagnis und ein liebevolles Angebot, nach Annahme dessen die Belohnung umso tiefer ist, je stärker das Publikum sich einlässt. Dazwischen auch einige Brüche, die die Aufmerksamkeit rebooten. Und so lebt das Stück stark vom Vertrauen in die Einbildungskraft und vom geistigen Empowerment der Kinder, das im Sinne des Zeitlichen Flucht und Ausbruch, aber auch Heimat und Harmonie bedeuten kann.

Konzept, Choreografie: Raffaela Gras; Choreografische Mitarbeit, Performance: Marco Payer, Stefanie Sternig, Susanna Peterka; Sound- und Klangregie: Peter Plos; Bühne, Kostüm: Hanna Hollmann; Dramaturgische Beratung, Textdramaturgie: Käthe Kopf
Licht: Silvia Auer

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