Mi. Feb 28th, 2024
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Der Besuch vom kleinen Tod

von netzzeit & WIEN MODERN /// Dschungel Wien /// 6+ /// Julia Gramm

Das Musikmärchen begleitet den Titelheld (Rino Indiono) bei der Erfüllung seines täglich Brots: Sichtlich die unangenehme Situation erwartend holt der Tod die Sterbenden ab, die sich normalerweise vor ihm erschrecken. Auf seine tapsigen Versuche, Gespräche anzustoßen, reagieren sie nur mit Schweigen. Als der Tod das Mädchen Elisewin (Jasmin Steffl) abholt, ist alles anders: Sie springt voller Elan aus dem Bett und ruft: „Endlich bist du da!“, ehe sie hektisch ihre Spielsachen in den Rucksack wirft. Zunächst irritiert und überfordert von Elisewins Begeisterung entwickelt sich zwischen dem Tod und dem Mädchen eine Freundschaft. Als Elisewin ins Jenseits geht und den Sensenmann zurücklässt, ist er am Boden zerstört. Das Stück schließt damit, dass das Mädchen als Engel zurückkehrt und nun gemeinsam mit dem Tod die Sterbenden auf der letzten Reise begleitet.

Erzählt wird primär durch das Zusammenspiel von Performance und Musik, gesprochen wird kaum. Das durchkomponierte Musikmärchen wird von dem elfköpfigen Ensemble PHACE meisterlich vor Ort gespielt. Klaus Langs Komposition ist vielschichtig und abwechslungsreich und tritt doch intuitiv verständlich in Dialog mit den Darsteller*innen auf der Bühne: Ein sich geradezu überschlagendes, fast pausenloses Spiel der Querflöte korrespondiert mit Elisewins energiegeladenem Herumgewusel, etwas später betont eine auf der Blockflöte gespielte kindliche Melodie den weltvergessenen Charakter des Fangenspiels der Hauptfiguren. Punktuell werden mögliche Verständnislücken von dem Erzähler-Duo, zwei Schwäne (Florian Haslinger), gestopft, beispielsweise wenn das Publikum von den Vögeln erfährt, dass Elisewin vor ihrem Ableben unter schweren Schmerzen gelitten hat.

Bemerkenswert ist, dass im Stück nicht die Unumgänglichkeit des Sterbens abgestritten, sondern ein Perspektivwechsel vorgeschlagen wird. Anhand der Gegenüberstellung eines verängstigen Sterbenden (Michael Welz) mit Elisewin wird aufgezeigt, dass man nicht dem Lebensende entgehen, aber Einfluss darauf nehmen kann, wie man ihm begegnen möchte. Anstelle von Depression und Furcht vor dem Unbekannten nimmt Elisewin ihren Tod an.
Dem Stück gelingt die ernsthafte Beleuchtung seiner komplexen Thematik, ohne seinen Unterhaltungswert zu verlieren. Oft wird die Verschränkung von Tragik und Komik der Situationen auch betont. Besonders gut ist das bei dem Spiel der Darsteller*innen mit Masken im Fegefeuer zu beobachten: Elisewin dreht die zunächst traurig blickenden Masken um und siehe da: Lächelnde Grimassen. Im gemeinsamen Spiel lässt Elisewin eine Maske auf dem Sessel liegen. Der Tod möchte sich kurz darauf hinsetzen und springt erschrocken hoch, als er die Maske spürt – großes Gelächter im Publikum. Nach Elisewins Gang ins Jenseits setzt sich der von Trauer überwältigte Tod erneut auf den Sessel mit der Maske und bricht aufgrund des Deja Vus schließlich in Tränen aus. Die Performer*innen, allen voran die Hauptdarsteller*innen, bringen mit viel Charme, Witz und nuanciertem Spiel ihre Figuren auf die Bühne und beeindrucken durch ihr fein abgestimmtes Zusammenspiel.

Es ist ein Glück, dass Der Besuch vom kleinen Tod nach der pandemiebedingt abgesagten Premiere im Frühjahr 2021 nun im Rahmen von Wien Modern endlich zur Uraufführung gebracht wurde. Bei dieser Produktion stimmt alles. Große Empfehlung!

Komposition: Klaus Lang | Dialogtexte, Inszenierung: Michael Scheidl | Nach »La Visite de Petite Mort« von Kitty Crowther | Aufführungsrechte (Text): l´école des loisirs, Paris und Carlsen Verlag, Hamburg | Aufführungsrechte (Musik): Zeitvertrieb Wien Berlin | Ausstattung: Nora Scheidl | Choreografie, Regieassistenz: Alex Riff | Technik: Plan B | Orchester: PHACE (Sylvie Lacroix, Doris Nicoletti, Stefan Obmann, Thomas Märzendorfer, Georgios Lolas, Berndt Thurner, Thomas Wally, Daniele Brekyte, Rafal Zalech, Roland Schueler, Maximilian Ölz) | Licht: Michael Artner | Darsteller*innen: Rino Indiono, Jasmin Steffl, Michael Welz, Florian Haslinger | Fotos: Nurith Wagner-Strauss

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