Prinzessen

von Plaisairanstalt | Dschungel Wien | 8+ | Lisa Müller

Die „Prinzessen“ stellen Grimms Märchen tüchtig auf den Kopf: Rapunzel (Sophie Berger) rettet sich selbst aus dem Turm, weil der werte Prinz (Paul Graf) ziemlich auf sich warten lässt, nur um gleich darauf im nächsten Turm zu landen. Dort ist sie aber nicht allein, liegt doch das holde Dornröschen (Charlotte Zorell) im tiefen Zauberschlaf. Es hilft kein Schreien, Schütteln und erst recht kein Bussi auf die Stirn, also küsst Rapunzel Dornröschen einfach wach. Dornröschen (eigentlich Roswita) dankt es ihrer neuen Mitbewohnerin aber nicht, aus dem Schlaf gerissen worden zu sein. Immerhin war das die Aufgabe des Prinzen. In erster Linie ist das Stück eine gelungene humorvolle Dekonstruktion althergebrachter Rollenbilder, und lebt von der Gegenüberstellung der zwei gegensätzlichen Figuren. Positiv hervorzuheben ist, dass das verspätete Auftreten des Prinzen die klassische Märchenlogik zwar unterläuft, er in dieser Inszenierung jedoch nicht zu einer bloßen Randfigur verblasst. Stattdessen wird der leitende Gedanke des Stücks, nämlich die Suche nach Identität jenseits traditioneller Rollenbilder, weitergeführt. Alle drei Hauptfiguren kommen dabei zum Schluss, dass sie nichts „müssen“: weder gerettet werden noch retten, sondern einfach sein dürfen. Die Inszenierung besticht durch pointierte Dialoge, Tempo, atmosphärischem Licht und spontane Gesangseinlagen. In rockiges Schwarz gekleidet und mit schlagfertigem Wienerisch ausgestattet, gewinnt Rapunzel sofort das Publikum für sich. Während das Stück auf diese Weise klassische Märchenrollen ironisch bricht, bleibt die Darstellung Roswitas bei näherer Betrachtung überraschend eindimensional. Ihre Vorliebe für Rosa, Regeln und romantische Vorstellungen wird schnell mit Hysterie und Schwäche gleichgesetzt. Gerade darin verschenkt die Inszenierung die Chance, Weiblichkeit differenzierter darzustellen. Pink bedeutet nicht immer gleich emotionale Instabilität. Ein weiblicher Charakter, der noch stark von den ihm auferlegten Regeln geprägt ist, muss nicht immer schwach sein. Stattdessen gibt sich Roswita Wut- und Weinanfällen hin, die sie als eine schrille und überspannte Figur zeichnen. Das passt zwar so gar nicht zum Bild einer ruhigen, würdigen Prinzessin, spielt aber sehr stark in das historisch belastete Klischee weiblicher Hysterie. Dabei verleiht Charlotte Zorell Roswita durchaus Witz und Charme, die durch eine feine Nuancierung besser zur Geltung kommen würden. Gerade an dieser Stelle hätte die Regie mit feinerer Figurenzeichnung nachschärfen können. Im Gegensatz dazu wirkt die Figur von Rapunzel vielschichtiger konzipiert. Die schlicht urkomische Dynamik zwischen den Charakteren entfaltet aber genau aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit ihren Reiz und lädt zum Mitlachen ein.  

So bleibt „Prinzessen“ eine äußerst unterhaltsame Märchenparodie mit klugen Ansätzen, deren humorvolle Stärke über die teils schwache Figurenzeichnung hinwegträgt, sie aber nicht vergessen lässt

AUTOR: Raoul Biltgen Aguilera | DRAMATURGIE: Guido Mentol | PRODUKTION: Barbara Schubert | AUSSTATTUNG: Alexandra Burgstaller | LIEDER: Thorsten Drücker | LICHT: Christo Novak | ASSISTENZ: Marie-Louise Fürnsinn | HOSPITANZ: Maya Zwerina | SCHAUSPIEL: Sophie Berger, Paul Graf, Charlotte Zorell

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