Sa. Apr 20th, 2024
Print Friendly, PDF & Email

schneewittchenpsychose (c) alexander matthias kosnopfl

„Schneewittchenpsychose“ (FAIMME) ///

Schneewittchenpsychose. Ein vielversprechender Titel /// Marlene Groihofer ///

In Tanja Witzmanns (Gruppe FAIMME) Inszenierung dreht sich alles um die junge Nana. Sie ist von Ana, der Göttin der Anorexie, besessen. Von ihr wird sie in die Magersucht getrieben. Dritte im Bunde ist eine die Mediengesellschaft repräsentierende Fernsehmoderatorin. Passend zur Thematik ist die Bühne im Dschungel Wien komplett in klinischem Weiß gehalten. Ein weißer langer Tisch, von der Decke hängende weiße Vorhänge, weiße Sessel, weiße Gedecke. Man hat das Gefühl in einem Krankenhaus zu sein. Ist man dort, ist man woanders? Es macht nichts aus, das nicht zu wissen. Magersucht lässt sich schließlich auch nicht auf einen Ort festlegen. Die Inszenierung lebt von Sophie Reyers spannendem Text und ihren ausdrucksstarken, für sich selbst sprechenden Formulierungen. An das Thema Magersucht wird darin sehr direkt aber kühl und nüchtern herangegangen. Mitgefühl kommt beim Zuseher für keine der Bühnenfiguren auf. Anorexia schafft es immerhin, die Nerven des Publikums zu strapazieren. Es steckt viel Kraft in den Sprechchören der drei Darstellerinnen, in ihren immer wieder einfließenden Gesängen. Irgendwann fällt die Kraft jedoch der andauernden Wiederholung zum Opfer.

Die über dem Tisch angebrachte Projektion ist von großer Ästhetik und bringt Dynamik ins Spiel. Eine zerschnittene Erdbeere, in einander verschränkte Finger, die Köpfe der drei Darstellerinnen auf Tellern serviert. Gut gewählt sind auch die Kostüme, insbesondere das der Anorexie-Göttin, die am Rücken von einer Art großem Draht umhüllt scheint. Das seltsame Kleidungsstück erinnert an die oftmals schräge Laufstegmode der Magermodels.

Das groß angekündigte Motiv der Bedrohung durch die Medien bleibt bis zum Ende des Stückes wie verschleiert und von geringer Präsenz. Die Rolle der Fernsehmoderatorin durchgehend unklar. Oft wirkt sie wie der liebliche Gegenpol zur bösen Göttin, eigentlich soll sie das dem Kapitalismus treu verfallene schlanke Schönheitsideal symbolisieren. Eine bis zu einem gewissen Grad erfrischende Art, an das überstrapazierte Jugendthema der Magersucht heranzugehen.

Premiere: 17. Juni 2010 – Dschungel WienInfos

Autorin: Sophie Reyer; Regie: Tanja Witzmann; Darstellerinnen: Ruth Ranacher, Gina Mattiello, Heike Möller; Dramaturgie: Alexander Matthias Kosnopfl; Kostüm:  Sophia Seitz-Rasmussen; Musik: Sophie Reyer, Markus Krispel; Theaterpädagogik: Claudia Mayer

 

Von paul

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert