Do. Jul 25th, 2024
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„Zeensucht“ (Melika Ramic & Motschnik) ///

Was die Sehnsucht ist, ist wie das Meer /// Sara Schausberger ///

Auf einem Holzpfahl, mitten in einer weiten leeren Industriehalle, sitzt ein Mädchen. Die Industriehalle ist das Meer, das Meer ist die Sehnsucht.

Melika Ramic, Nele van den Broeck und Marieke Breyne haben ein Stück konzipiert, das den Titel „Zeensucht“ trägt, eine Wortzusammensetzung aus dem niederländischen Wort für Meer („Zee“) und dem deutschen Wort Sehnsucht. Und genau dieses Zusammenspiel macht das ruhige, einfache Stück aus, das Melika Ramic inszeniert hat, und in dem sie es schafft, in einer großen leeren Industriehalle ein Gefühl vom Meer und der damit verbundenen Sehnsucht zu vermitteln. (Oder ist es umgekehrt, ist das Meer wie die Metapher auf die Sehnsucht?)

Die Halle ist jedenfalls der perfekte Ort für die Inszenierung und hat genau diese Art von Weite, die man ansonsten nur am Meer spürt. Mittendrin steht ein Holzpfahl, auf dem ohne Worte gespielt wird, erzählt wird eine Geschichte (nach Marit Törnqvists „Eine kleine Liebesgeschichte“) über die Traurigkeit und Schönheit des Alleinseins, die Melancholie der Weite und einen Moment der Nähe, der schnell vorüber ist, und den man vermisst und zurück haben will. Die Geschichte bedarf keiner Worte, Nele van den Broecks Spiel reicht aus, um von all dem zu erzählen. Anhand von Mimik, Gestik, Geräuschen und Musik schafft sie eine Atmosphäre, die einen das einsame Spiel eines Kindes beobachten und einen gleichzeitig mittendrin sein lässt. Aus einem Holzstab wird eine Angel, mit der sie einen Fisch fängt, den sie dann blau anmalt und föhnt. Aus den Lautsprechern hört man Wellen brechen, Meeresrauschen, den Wind. Aus dem Kassettenrekorder kommen vereinzelte Tonband Aufnahmen und Musikstücke. Die kaputten Kassettenbänder werden zu Tang, der über den Strand geweht wird. Mit Wasserfarben malt sie postkartengroße Papierstücke blau an und wirft sie auf den Boden, sie werden zum Meer. Aus einer Bastschnur wird ein Fernrohr gebastelt, mit dem sie in die Ferne schaut und nach etwas sucht. Dazwischen spielt sie uns ein Lied vom Meer, erzählt davon, was es im Meer von Algen angefangen bis zu Walen nicht alles gibt. „Es gibt noch immer mehr im Meer. Aber dich nicht mehr“, heißt es dann zum Schluss.

Das „du“, ein Mann, der auf einer Fähre an ihr vorbeifährt, sie anlächelt, und in der nächsten Sekunde wieder verschwindet, verursacht eine tiefe, weite Sehnsucht in ihr. So tief und weit wie das Meer. Und das ist traurig und schön zugleich, sowie das ganze Stück, das einen mit seinen kleinen einfachen Einfällen und besonders durch das großartige Spiel von Nele van den Broeck immer wieder zum Lachen bringt, und vor allem zum Sehnen, weil der Wind weht, es nach Salz riecht und das Meer diese unendliche Weite hat, die man von nirgendwo anders kennt, aber in einer Industriehalle in St. Marx wiederfindet.

weitere Kritiken:

Es gibt noch immer mehr im Meer… /// Reinhard Strobl

Eine Sehnsucht nach mehr im Meer /// Tomáš Mikeska

Premiere: 26.9.2010 Meierei Hoyos, Horn – Motschnik

weitere Spielorte: Rinderhalle St. Marx – Ehemalige Anker-Expedithalle

Idee & Konzept: Melika Ramic, Nele van den Broeck, Marieke Breyne; Regie: Melika Ramic; Assistenz: Marieke Breyne; Spiel: Niele van den Broeck, Thomas Malirsch

Von paul

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