Sa. Mai 18th, 2024
Spielzeitmotto 2018/19, aus dem Spielzeitheft
Print Friendly, PDF & Email
Spielzeitmotto 2018/19, aus dem Spielzeitheft

Zum Spielzeitauftakt kommt der Dschungel mit einer neuen Parole daher: „Glaub nicht alles, was du denkst“. Der Kritiker denkt, das ist ein schönes Motto. Zwei Stücke bekommt er am Eröffnungsabend zu sehen: Parole Haifisch und Play.

Parole Haifisch © Theresa Pewal

Parole Haifisch /// schallundrauch agency /// Dschungel Wien /// 6+ /// Timon Mikocki 

Die große Stärke der schallundrauch agency ist die kreative Situationskomik. Und dass sich die Mitvierziger in den Probenprozessen gut in die Zielgruppe und deren Konflikte hineinversetzen, was dann auch beim Endprodukt sichtbar wird. Und: Sie sch“&*$§ sich nix, wie man in Wien sagen würde. Manchmal nicht ganz ausgegärt und bar aufwendiger Stilistik finden sich im Zusammenspiel doch immer besonders herzliche Pointen, die die Gegensätze des Gefühlsspektrums für sich benützen und den Außenseitern und Nonkonformen zur Legitimität verhelfen. Im Zentrum der derzeitigen Produktion steht eine Mädchenfreundschaft. Sie bildet den dramaturgischen Rahmen für allzu menschliche Mini-Performances. Falsch singen, warum sollte das ein Problem sein? Danebenliegen – egal. Ein Haifisch ist keine Forelle und Dracula kein Hai – aber die Unschärfen lassen Raum für humorige Lebensverhandlungen, getragen von eingängiger Musik. Innerlich stark und mutig zu sein, sich auch trauen, in Fettnäpfchen zu treten, das demonstrieren Wappel und Sollmann. Sie sehnen sich am Ende wieder nacheinander und versöhnen sich. Dass der Titel so an die vorjährige Parole Emil erinnert, scheint Zufall oder Einfallslosigkeit zu sein. Kästner wird nicht referenziert, dafür aber, beiläufig musikalisch, Weill. Auch andere Elemente wie die Mercury-Parodie wirken eher zusammengewürfelt als stringent entwickelt. Und das ist auch schon die größte Kritik an diesem grundlegend tollen Stück: Dass die Dramaturgie zwar innerhalb der Freundschaftshandlung Sinn macht, ansonsten aber eher assoziativ am Bogen der (milden) Emotionen als an der Dimensionalität und den Untiefen des Theaters orientiert scheint.

Play © Rainer Berson

Play ///  Dschungel Wien + hetpalais (B) /// Dschungel Wien /// 10+ /// Timon Mikocki 

Ganz anders verläuft dann Play, die auf Idee von Chefin Eckenstein von einem Pieter Bruegel-Bild inspirierte Tour de force. Wer das Bild nach der Aufführung sieht, erkennt viele Parallelen. Anders als in Bruegels perspektivischem Kompositum, das Unordnung und Diversität zeigt, regiert im Stück aber die Strenge. Anstelle der menschlichen Stegreif-Komik von Parole Haifisch sieht man hier fast unmenschlich-technische Mannschafts-Choreografien. Kühl durchdesignte Athleten strampeln sich in boboesquem Bühnenbild über eine Stunde lang ab; dabei wird Konkurrenzverhalten, Durchhaltevermögen und Teamwork sichtbar. Und die widersprüchlichen Gefühle beim Spielen: Rivalität und Harmonie, Gleichheit und Hierarchie. Nicht nur die von Matten und Stangen dominierte Bühne und die Mode erinnern hier an skandinavische Reinlichkeit, holländische Disziplin oder Steve McQueen’s Shame, auch die Attitüde der SportlerInnen strahlt oberflächliche Stärke aus. Dazwischen entstehen aus Verbissenheit komische Momente. Die Musik ist fein. Die Stangen werden stirnreihenmäßig abgearbeitet und im beeindruckendsten Moment zu einem Reck kombiniert. Es gibt halt keine echten Brüche und keinen Raum für wirkliche Erschöpfung – eher ein Sinnbild des Neoliberalismus, der Uniformität und des Optimierungszwangs unserer Zeit, als der Dynamik von Anstrengung und Erschöpfung im wirklichen Leben, das immer auch mit Zusammenbrüchen umgehen muss. Spießrutenlauf und Balanceakt. Fraglich, ob die Zielgruppe das nicht eher täuscht als stärkt. Aber hey, auch Akrobatik kann Spaß machen und beflügeln – zumindest der Bewegungsdrang wird stark herausgefordert. Maartje Pasman brilliert übrigens als kleinste der Größe zeigenden AkteurInnen. Und am Ende zeigt sie doch noch, dass auch der zweite Platz schön sein kann: Schallend lachend, ohne Scham oder Reue, gibt sie auf und sinkt zu Boden.

Parole Haifisch ist noch an 12 Terminen Anfang Oktober und Ende November, Play Mitte Dezember nocheinmal zu sehen. 

Parole Haifisch: Konzept, Regie, Performance: Janina Sollmann,
Gabriele Wappel; Regieassistenz: Sara Wilnauer; Raum, Licht, Technische Leitung: Silvia Auer; Forelle und Kostümberatung: Anna Panzenberger; Presse und PR, Produktion: Jasmin Strauß-Aigner; Dramaturgische Beratung: Frans Poelstra; Musikalisches Coaching: Sebastian Radon; Workshops: Martin Wax

Play: Choreografie: Karolien Verlinden (Tuning People); Idee: Corinne Eckenstein (Dschungel Wien); Bühne: Rachid Laachir; Kostüm: Wim Muyllaert; Soundscape: Jochem Baelus; Lichtdesign: Koen Corbet; Hospitanz: Marianne Huber; Voice Over: Clara Diemling; Tanz: Steffi Jöris/Magdalena Forster, Fie Dam Mygind, Rudi Äneas Natterer, Maartje Pasman, Marco Payer, Dennis Alexander Schmitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert